Dr. Ingo Friedrich, Präsidiumsmitglied der Verbandsgruppe Wir Eigentümerunternehmer und Vorstandsmitglied a.D. der CSU, hat sich in einem offenen Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder gewandt und eine Corona-Öffnungsstrategie für Klein- und Mittelbetriebe gefordert. Dr. Friedrich ist ebenfalls Vizepräsident des Europäischen Parlaments a.D.

Hier geben wir Ihnen den offenen Brief an Ministerpräsident Söder wieder:

Öffnungsstrategie für Klein- und Mittelunternehmen (KMU)

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

wir alle wissen, wie ungemein schwer die Abwägung zwischen den schlimmen Auswirkungen des Lockdowns und den tödlichen Wirkungen der neuen Virusmutanten fällt. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass Sie kein Datum für eine sinnvolle Beendigung der Einschränkungen geben können und wollen.

In unserem wirtschaftlichen Umfeld wird nun eine neue, wie wir meinen überzeugende Idee diskutiert: Statt eines Kalenderdatums sollte das regionale Infektionsgeschehen als Kriterium für Öffnungsregelungen in den einzelnen Regionen ins Auge gefasst werden. So könnten z.B. ab einer bestimmten Inzidenzzahl und analogen Kriterien Geschäfte unter den bekannten strengen Hygieneregeln und unter Nutzung aller Impf- und Testmöglichkeiten öffnen dürfen. Das wäre das berühmte Licht am Ende des Tunnels.

Dabei ist ein Erfolg dieser Strategie allerdings von der Einhaltung zweier Bedingungen abhängig: Die Käufer müssten zum Beweis ihres regionalen Wohnsitzes bei jedem Einkauf den Personalausweis vorlegen und die regionalen Behörden (in der Regel das Landratsamt) müssten bei eventuellem erneuten Überschreiten der Grenzwerte kurzfristig wieder einschränkende Maßnahmen verhängen können.

Das hat zwar den Nachteil, dass keine langfristige Planungssicherheit gewährleistet werden kann, hat aber andererseits den unschätzbaren Vorteil, dass die Menschen, insbesondere die KMU, unmittelbar nachvollziehen können, warum welche Vorschriften gelten. Indirekt würden dadurch auch die persönliche Verantwortung und Selbstdisziplin gestärkt, weil jeder die Folgen seines Handelns konkret im eigenen Umfeld spüren würde.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, wir wären sehr dankbar, wenn unsere Überlegungen Eingang in Ihre strategischen Beschlüsse finden würden.

Dr. Ingo Friedrich

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Zusammen mit der KfW-Mittelstandsbank und anderen Mittelstandsverbänden befragen wir auch in diesem Jahr wieder unsere Mitglieder zur aktuellen Finanzierungssituation, ihren Finanzierungsgewohnheiten und in 2021 auch zu den Investitionen und der aktuellen Investitionspolitik im eigenen Betrieb. Bereits seit 2001 wird diese gemeinsame Untersuchung durchgeführt. Die Umfrage ermittelt, was bei diesen Themen in der betrieblichen Praxis gut läuft und wo es hakt.
Ziel der gemeinsamen Untersuchung ist es, durch aktuelle Fakten und Einschätzungen bei den Themen Bankbeziehung, Kreditbedingungen und  Finanzierungsgewohnheiten zu einer sachlichen Diskussion beizutragen und der Politik Handlungsbedarf und -empfehlungen aufzuzeigen. Ein Schwerpunkt in den Fragen liegt natürlich auf den Folgen der Corona-Krise für die Finanzierungssituation in den Betrieben.

Vor Beginn der Corona-Krise waren die meisten Mittelständler im Großen und Ganzen zufrieden mit ihrer Finanzierungssituation und den Bankbeziehungen. Die Befragung 2021 wird zeigen, wie stark sich dieser Befund geändert hat. Der Fragebogen kann unter info@bm-mittelstand.com angefordert werden.

Das Jahr 2020 ist für uns auf sehr schmerzhafte Weise zu Ende gegangen! In großer Betroffenheit und tiefer Trauer geben wir bekannt, dass Herr Hermann Sturm, langjähriger Präsident des  Bundesverbandes Deutscher Mittelstandes e.V. – Wir Eigentümerunternehmer sowie Stiftungsrat der Stiftung Wir Eigentümerunternehmer, kurz vor dem Jahresende, in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 2020 verstorben ist.

Dipl.-Ing. Hermann Karl Sturm
(14.07.1944 bis 29.12.2020)

 

 

Das Jahr 2020 war geprägt durch den Virus COVID-19, an dem viele Menschen erkrankten. Aber lange Zeit schien diese Bedrohung weit weg und die immer neuen Statistiken zu den Infizierten, den Erkrankten und den Verstorbenen erschienen als bloße Zahlen, die mit uns zum Glück nichts zu tun haben. Doch änderte sich dies zu Ende November, als diese heimtückische Krankheit auch Herrn Sturm ergriff. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends, sodass eine Aufnahme ins Klinikum Großhadern in München nötig war. Trotz bester medizinischer Betreuung und Bemühung schlugen die Therapien nicht an und kurz vor Mitternacht am 29. Dezember musste Hermann Sturm, der sein ganzes Leben ein unbeugsamer und teils auch ungestümer Kämpfer war, diesen Kampf verloren geben.

Sein Tod hat alle, die ihn kannten, zuvorderst seine Familie und Freunde, und auch seine vielen Weggefährten während seines langen und erfolgreichen beruflichen Lebens, mit Bestürzung und tiefer Trauer erfüllt – und dass er nicht mehr da ist, ist schwer sich vorzustellen. Und wir alle verneigen uns in Anerkennung und Dankbarkeit vor ihm und seinem Lebenswerk.

Hermann Karl Sturm wurde am 14.07.1944 in Neckarrems/Baden-Württemberg geboren, wo er auch aufwuchs. Nach Schulzeit und Abitur absolvierte er ein Studium der Elektrotechnik, das er mit dem Grad Diplom-Ingenieur abschloss. Dass sein langes Berufsleben so vielfältig und engagiert werden und ihn an so viele Orte führen würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt sicher nicht ahnen. Aber gleich seine erste berufliche Station zog ihn weit weg von der Heimat, er arbeitete als Elektroingenieur auf einer Zeche im Ruhrgebiet in Herne. Bald jedoch übersiedelte er nach München, wo er die Tätigkeit als Beratender Ingenieur aufnahm, für den Bereich Projektentwicklung und Planung von Immobilien und Gebäudetechnik, ein Feld, dem er bis zu seinem Lebensende treu blieb und auf dem er im Laufe der Jahrzehnte viele Immobilienprojekte in ganz Deutschland verwirklichen konnte, von Ein- und Mehrfamilienhäusern, größeren Wohngebäuden bis hin zu Hotels und Gewerbeparks.

Neben diesem „Brot- und Butter-Geschäft“ fand er eine große Leidenschaft und Berufung darin, sich für den Stand der Freiberufler und selbständigen Ingenieure und auch der mittelständischen Unternehmen einzusetzen – und dies sowohl deutschlandweit als auch international. Seine großartige Fähigkeit auf Menschen zuzugehen und Verbindungen zu knüpfen, kam dieser Berufung sehr entgegen. Berufliche und private Netzwerke aufzubauen, sowohl in das berufliche Umfeld als auch in die Bundes- und Landespolitik hinein, gelang ihm mit großer Freude und Sicherheit. Er hat auch hier unglaublich viel bewegt, in teils schier unerschöpflicher Energie – sein Name „Sturm“ erschien oft zu Recht als Omen: er gründete mit Partnern und Weggefährten 1969 den Zentralverband Deutscher Ingenieure, später die Union Beratender Ingenieure. Weitere Zusammenschlüsse von Architekten, Bauingenieuren und Sachverständigen folgten. Jahrzehntelang, teils bis vor kurzem, war er Präsident und Vorsitzender mehrerer dieser Verbände. Die Aus- und Weiterbildung der Experten im Baubereich empfand er als wichtige Aufgabe, die er nach Kräften förderte, unter anderem als Mitgründer der Tegernseer Baufach- und Immobiliensachverständigentage.

Später war er Initiator oder maßgeblicher Förderer von Mittelstandsvereinigungen wie der Union Mittelständischer Unternehmen, dem Bundesverband Deutscher Mittelstand oder des Europäischen Wirtschaftsforums in der Verbandsgruppe Wir Eigentümerunternehmer, mit insgesamt ca. 60.000 vertretenen deutschen mittelständischen Unternehmen, sowie der Stiftung Wir Eigentümer­unternehmer. 1994 rief er den Deutschen Elite-Mittelstandspreis ins Leben, einer der ältesten und renommiertesten Preise des Mittelstandes an die deutsche Politik, der 2020 zum 27. Mal vergeben wurde. Zu den Preisträgern gehören u.a. Gerhard Schröder, Friedrich Merz, Christine Scheel, Edmund Stoiber, Kerstin Andreae, Olaf Scholz, Christian Freiherr von Stetten, Stephan Weil, uvm.

Hermann Sturm war begeisterter Europäer und engagierte sich leidenschaftlich auf internationalem Parkett. Vor allem für die Interessen der Mittelständler und Freiberufler bei der Europäischen Union – zum Beispiel beim European Council of Civil Engineers (Brüssel/London), der Europäischen Mittelstandsunion (Brüssel), der Europäischen Union Mittelständischer Unternehmen und der European Small Business Alliance (Brüssel).

Nichtzuletzt bereitete es ihm große Freude und war ihm Verpflichtung, sich auch für karitative, soziale und gesellschaftliche Zwecke einzusetzen. Er half bei der Renovierung der Via Dolorosa in Jerusalem, reiste ins Hochland nach Peru, um zu helfen weit abgelegenen Dörfern eine Stromversorgung zur Verfügung zu stellen und das Leben der Menschen zu erleichtern, er gründete Hilfswerke für in Not geratene Freiberufler und er war Mitgründer eines Studentenwohnheims in München, dem Heinz-Naumann-Haus, zur Förderung des naturwissenschaftlich-technischen akademischen Nachwuchses. Fast 20 Jahre war er zudem Ehrenamtlicher Richter am Finanzgericht München.

Hermann Sturm hat ein großes Lebenswerk vollbracht und viele Menschen berührt. Er hat sich viele Verdienste um den Mittelstand und die Freien Berufe erworben und es war stets eine große Bereicherung, mit ihm, der so humorvoll, so zugewandt und so kreativ und inspirierend sein konnte, zu tun zu haben!

Wir verneigen uns in tiefer Dankbarkeit vor seinem Andenken!!

Stiftungsrat und Präsidien der Stiftung und der Verbände der
Verbandsgruppe WIR EIGENTÜMERUNTERNEHMER.

Aufgrund der Corona-Beschränkungen ist eine Trauerfeier momentan nur im engsten Familienkreis durchführbar. Sobald es möglich ist, vielleicht an seinem Geburtstag am 14. Juli, soll eine Gedenkfeier nachgeholt werden. Für weitere Informationen oder Anmeldung hierzu und auch wenn Sie den Angehörigen Ihr Mitgefühl ausdrücken möchten, nützen Sie bitte folgende Adressen:
sekretariat@hermann-sturm.de
Büro Sturm, Edelsbergstr. 8 (IV. OG), 80686 München.

Aktuelle Studie zur Corporate Governance bei familiengeführten Weltmarktführern:

 

Unter „guter Unternehmensführung“ bzw. „Corporate Governance“ werden alle Maßnahmen und der rechtliche und faktische Ordnungsrahmen bezeichnet, die eingeführt werden, um ein Unternehmen „gut“ zu leiten und effektiv zu überwachen. Weiterlesen

Erst die gute Nachricht: Der Wahlsieg von Biden wird für die internationale Politik und Wirtschaft zu einer gewissen Beruhigung führen – außer Trump läuft Amok und geht, unterstützt durch seinen Anwalt Rudi Giuliani, durch alle Instanzen. Weiterlesen

Differenziertes Vorgehen bei Beschränkungen notwendig und überlebenswichtig für Mittelstand.

Der Bundesverband Deutscher Mittelstand e.V. – BM – Wir Eigentümerunternehmer fordert die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten auf, zurückhaltend und differenziert mit den Lockdown-Maßnahmen vorzugehen und auch Leitlinien des Grundgesetzes zu beachten.

BM-Präsident Hermann Sturm zu den Beratungen von Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten: „Eine Differenzierung bei den Maßnahmen ist unbedingt notwendig. In Deutschland ist es verpönt, wirtschaftliche Argumente ins Feld zu führen, wenn es um „Menschenleben“ gehe. Aber dies kann kein Gegensatz sein. Bei einem weitgehenden Lockdown steht die Existenz vieler Mittelstandsbetriebe auf dem Spiel und damit die Existenzen der Unternehmer- und Mitarbeiter-Familien. Zum Beispiel sind sich viele Experten einig, dass das Risiko von Ansteckungen in Restaurants gering ist, da die Betreiber umfangreiche Hygienekonzepte aufgestellt und umgesetzt haben.“

Sturm fordert weiter, dass die Länder und Kommunen vor Ort entscheiden sollen, ob angesichts der Entwicklung der Infektionszahlen weitergehende Beschränkungen notwendig sind und wie diese ausgestaltet werden. „Die Gesundheitsämter vor Ort kennen die Ansteckungsschwerpunkte am besten, sie können nach den Vorgaben von bundesweiten Ampelregeln entscheiden. Und sie können über ihre Erfahrungen mit der Nachverfolgung die Maßnahmen steuern. Wir haben ja gemerkt, dass ostdeutsche Bundesländer eigene erfolgreiche Konzepte entwickelt haben. Die Einhaltung der Beschränkungen soll dann auch konsequent kontrolliert werden und wer dagegen verstößt, sollte empfindliche Sanktionen spüren.“

 

Nachdem Großbritannien aus der Europäischen Union ausgetreten ist, geht es nun um den Ausstieg aus dem Binnenmarkt und den Abschluss eines neuen Handelsvertrages. In der gemeinsamen politischen Erklärung ist der Rahmen umrissen. Aber immer deutlicher wird der Versuch der Briten, sich Punkt für Punkt davon zu verabschieden.

von Jürgen Chrobog,
deutscher Botschafter in den USA und Staatssekretär des Auswärtigen a.D., Präsident des Europäischen Senates-Politik der Wir Eigentümerunternehmer, Partner Berlin Global Advisors, Beraterstab Consileon Business Consultancy, Karlsruhe

– ohne Verlängerung kaum vorstellbar

Die Verhandlungen gehen jetzt in die letzte Runde. Die Chancen Großbritanniens auf einen geordneten Austritt aus der EU werden von Tag zu Tag geringer. Johnson hat jede Fristverlängerung verweigert und bekräftigt, eine Einigung über einen neuen Handelsvertrag zwischen der EU und GB müsse bis zum Treffen des Europäischen Rates am 15./16. Oktober dieses Jahres erfolgen oder es gebe den harten Brexit. Aber, selbst wenn es bis Mitte Oktober wider Erwarten zu einer Einigung kommen sollte, ist eine Ratifizierung des Vertragswerkes bis Ende dieses Jahres nur schwer vorstellbar. Das EU-Parlament und die 27 Mitgliedsstaaten der EU wie auch deren Parlamente und ggf. Regionalparlamente müssen dem Freihandelsvertrag zustimmen. Ohne eine Verlängerung wird dies kaum möglich sein.

– Streitpunkte Fischereirechte und Wettbewerbsverzerrungen

Einer von drei Streitpunkten in dieser Verhandlungsrunde sind die Fischereirechte der Mitgliedsstaaten der EU in britischen Gewässern. Nach bisherigen Quotenvereinbarungen entfallen 60 % auf die EU-Staaten. Da es hier um Zahlen geht, sollte eigentlich eine Einigung bei gutem Willen aller Beteiligten möglich sein. Schon die Beitrittsverhandlungen mit Norwegen in den siebziger Jahren sind damals exakt an dieser Frage gescheitert. In seinem Frust hatte der damalige deutsche Landwirtschaftsminister Josef Ertl den Norwegern alle Forellen in dem Bergbach, der durch sein Grundstück floss, als Ausgleich angeboten. Sie waren nicht amüsiert.

Ein entscheidendes Thema wird es sein, Wettbewerbsverzerrungen nach Abschluss eines Handelsabkommens zu verhindern. Auf Grund ihrer Souveränitätsvorstellungen gibt es britische Überlegungen, Quoten, Zölle, Umwelt- und Sozialstandards einseitig zu senken und sich damit Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Dies hat Michel Barnier im Interesse all EU-Mitgliedsstaaten strikt abgelehnt. Für EU und GB müssten gleiche regulatorische Bedingungen gelten. Für beide Seiten ist diese Frage kaum verhandelbar.

– erneute Drohung mit Nordirlandfrage

Bedrohlich am Horizont erscheint wieder die Nordirlandfrage, die eigentlich im Rahmen des Austrittsabkommens gelöst schien. Im Widerspruch zu den Vereinbarungen, die Johnson selbst im Austrittsvertrag vor seinen Parlamentswahlen durchgesetzt hatte, sollen nur noch minimale Zollkontrollen zwischen GB und der Provinz Nordirland durchgeführt werden, statt wie vereinbart, für alle Güter, die ein- oder ausgeführt werden. Johnson hat angedeutet, die bisherigen Grenzvereinbarungen durch britische Gesetze einseitig aufzuheben. Diese Erklärung wird in Irland und der EU scharf kritisiert. Sie würde das vor 20 Jahren geschlossene Karfreitagsabkommen außer Kraft setzen – die Grundlage für den Friedensschluss zwischen den Volksgruppen. Man kann nicht ausschließen, dass Johnson durch diesen Schritt per Schuldzuweisung an die EU die Verhandlungen scheitern lassen will. Auch britische Regierungskreise geben zu, dass dieses Verhalten völkerrechtswidrig ist. „Dies sei aber durch besondere Umstände gerechtfertigt.“

– Motiv für harten Brexit

Johnson sieht sich auf Grund seiner bequemen Mehrheit von 80 Parlamentssitzen als unangreifbar. Wenn die Konsequenzen eines ungeordneten Ausscheidens allen Briten eines Tages klar werden, könnte sich das rasch ins Gegenteil verkehren. Spätestens seit seiner eigenen Corona-Erkrankung hätte er erkennen müssen, was nationale Souveränität in einer globalen Welt wirklich wert ist. Zu lange hatte er die Gefahr der Epidemie klein geredet. Viele Opfer gehen auf sein Konto. Die Zahl der Corona-Fälle nimmt rasant zu. Johnson hat bei der Bewältigung dieser Krise versagt. Folge ist der desolate Zustand der britischen Wirtschaft, eine tiefere Rezession als im Rest der Union, immer mehr Menschen verlieren ihren Job. Armut breitet sich aus. Die Forderung aus Schottland nach einem neuen Unabhängigkeitsreferendum wird drängender.

Offensichtlich will Johnson den harten Brexit. Seine Motivation ist umstritten. Glaubt er selbst an das, was er sagt oder pokert er nur, um Druck auszuüben? Ein Wunsch treibt ihn sicher: alle EU-Fesseln abwerfen, um weltweite Handelsverträge schließen zu können. Er verspricht seinem Land bereits heute eine glorreiche Zukunft.

Wenn Johnson nicht noch eine göttliche Erleuchtung hat, wird sich die europäische Wirtschaft zu Beginn des kommenden Jahres auf ein Chaos an den Grenzen zum UK einstellen müssen. Verkehrsstau, Lieferprobleme, alles wird schon seit Monaten diskutiert.

– von Freundschaft zu Entfremdung und Risse in der EU

Die Briten waren für uns eine lange Zeit einer unserer wichtigsten Partner. Wir betrachten sie als enge Freunde. Es ist schwer vorstellbar, dass dieses Verhältnis so unbelastet bleibt. Eine Entfremdung ist kaum vermeidlich. Die menschlichen Kontakte nehmen ab. Einreisen und Aufenthalte in England werden schwieriger werden. Besonders der Austausch zwischen jungen Menschen wird zurückgehen. Deutschland wird den Austritt besonders zu spüren bekommen.

Die Architektur der Europäischen Gemeinschaft hat Risse bekommen. In der Sicherheits- und Außenpolitik sowie wirtschaftlich verlieren wir einen besonders engen Partner.

– wie sollte sich EU verhalten?

Wir sollten den Graben so flach wie möglich halten und GB so eng an Europa binden, wie es nur geht. Dabei müssen wir bis an die Schmerzgrenze gehen. In einer Welt, die aus Führern wie Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro und der chinesischen Führung besteht, in einer Welt, in der alles bisher Undenkbare denkbar geworden ist, sollte man die Beziehungen zu alten Freunden und Verbündeten so eng wie möglich gestalten. Die Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland, das Zerwürfnis mit Russland, Krisen in Belarus, Syrien, China, die Flüchtlingskrise, die Epidemie und schließlich die Herausforderungen des Klimawandels. Spannungen und Probleme, wohin man sieht. Die USA haben sich zurückgezogen.

Falls Trump wiedergewählt wird, sollte sich Johnson insbesondere in dieser Schwächephase seines Landes nicht der Illusion hingeben, einen besseren Deal zu bekommen als mit der Europäischen Union. Für Trump gilt nach wie vor: America First.

Berlin, 09.09.2020

Jürgen Chrobog

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Unser Mitglied und Senator Hans-Jürgen Schneider, geschäftsführender Gesellschafter der Elektroplan Schneider GmbH & Co. KG aus dem hessischen Stadtallendorf, ist bekannt dafür, kein Engagement und keine Verantwortung zu scheuen. Mit großer Leidenschaft engagiert er sich in Berufsverbänden, in der Jugendbildung und Nachwuchsförderung, im Sport und in karitativen Organisationen. Dafür wurde er in 2016 auch mit dem Hessischen Verdienstorden ausgezeichnet. Weiterlesen

„Ein bundesweiter Lockdown setzt eine epidemische Lage von nationaler Tragweite voraus“.
Wir schließen uns diesem Satz von Prof. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, voll umfänglich an.
Selbstverständlich sind dabei zwei Seiten zu beachten: Weder lassen die aktuellen Zahlen über Infektionen und Mortalität noch die Auslastung von Intensivbetten in den Krankenhäusern einen bundesweiten Lockdown zu. Aber vor allem: Einen zweiten Lockdown würden weder unser Mittelstand noch unser Sozialsystem aushalten. Schon jetzt haben sehr viele kleine und mittlere Unternehmen wie auch selbständige „Einzelkämpfer“ aufgeben müssen.

Bei einer kürzlichen Umfrage des Bundesverbandes der Deutschen Industrie bei über 3.000 Klein- und Mittelbetrieben, trat eine weitere Erschwernis bei den innovativen und technologieorientierten Unternehmen hervor: Die Beschränkungen für Reisen zu Technologiepartnern, die für Kooperationen und zur Entwicklung neuer Produkte häufig zwingend sind.

Der Restart und die Neuorientierung in der deutschen Wirtschaft benötigen also nicht nur Geld durch Schulden oder Staatsbeteiligungen, sondern auch die menschliche Arbeitskraft, dynamische Kreativität und Innovationsleistung. Und das im gesunden Kollektiv, nicht im Home-Office.

Wir appellieren daher an die politisch Verantwortlichen, sehr behutsam mit den Ideen für einen neuen Lockdown zu verfahren. Die Risiken sind sehr groß und es ist gewiss, dass ein gutes Gesundheitssystem auch eine gesunde Wirtschaft benötigt. Bund und Länder müssen daher verbesserte koordinierte Handlungsfähigkeit beweisen, gemeinsam mit einer größeren Gruppe von Experten, um auch die regional unterschiedlichen Bedingungen und Voraussetzungen individuell zu gestalten.

Die Gesunden müssen geschützt werden – und das geht am besten durch flächendeckende Teststationen mit sehr kurzer Informationszeit, gerne auch in großen Betrieben. Die gegenwärtige Testkapazität, die Fehlerquote und die Informations- und Reaktionszeit sind noch unzureichend und gefährden jeden Aufschwung. Betriebliche Abläufe und Innovationen dürfen nicht durch Quarantänezeiten der Mitarbeiter behindert werden.

Diese länderbezogene Test-Logistik wird den Unternehmen und ihren Mitarbeitern sehr viel bringen. Neben den beschlossenen oder notwendigen Steuerreduktionen, die in unserem Hochsteuerland generell wichtig sind, also der Mehrwertsteuerreduktion, einer Abschaffung des Soli und einer wirksamen Entlastung bei der Einkommensteuer, die geeignet wäre, weitere Anreize zu schaffen.

Letztlich sollte auch die europäische Familie wieder näher in den Bereichen der gemeinsamen Forschung, Entwicklung und Lieferketten zusammenrücken, um im weltpolitischen Entscheidungsgeschehen nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten. Denn der Wirtschaftskrieg der USA mit China, die Umweltthematik und Digitalisierung waren auch vorher schon wesentlicher Bestandteil unserer Probleme von morgen.

 

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Die Erleichterung ist groß und auch die Überzeugung der Politik, dass nach dem Marathon-Gipfel in Brüssel ein großer Wurf gelungen sei. Auf jeden Fall ging es um sehr viel Geld. Die EU-Staaten einigten sich auf das größte Haushalts- und Finanzpaket ihrer Geschichte. Eintausendachthundert Milliarden Euro standen zum Beschluss und nach zähem Ringen gelang die Verabschiedung. Weiterlesen